Stellungnahmen

Der pädagogische Umgang mit Fragen von Sexualität und Macht sind Themenbereiche, die aktuell stark in der Öffentlichkeit diskutiert werden.
Daher dient die Arbeit im Netzwerk nicht nur der Selbstüberprüfung unserer ethisch-moralischen Standards und der Schärfung unserer ethischen Reflexionshorizonte in der professionellen Praxis. Wir verfolgen ebenso die Möglichkeit zur öffentlichen Positionierung in einer gemeinsamen Anstrengung von Wissenschaft und Praxis, wenn sozialpolitische Entwicklungen unsere professionsethischen Standards unterlaufen oder verletzen.
____________________________________________________________________________________________

Erstes Standpunktpapier des Kasseler Netzwerks
»Professioneller Umgang mit Sexualität und Macht im Sozial- und Bildungssektor«

»Die Stabilisierung der MitarbeiterInnen ist die Grundlage für die Stabilisierung der Kinder. «
(Birgit Lang, 2009)

In der pädagogischen Arbeit und im Zuge der beruflichen Bearbeitung eines Falls von sexualisierter Gewalt können bei den Pädagog_innen selbst biographische Verletzlichkeiten und Betroffenheiten in Erinnerung gerufen werden. Erlittene Gewalt wird oftmals erst Jahre später richtig bewusst und mitunter vollzieht sich dieser Prozess am Arbeitsplatz.
Ebenso kann es sein, dass die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen die Pädagog_innen nicht mehr ‚loslässt‘ und sie sich von den Gefühlen der Klient_innen ‚anstecken‘ lassen. Manchmal führt dies bei den Pädagog_innen zu einer sogenannten sekundären Traumatisierung
Schließlich kann es in pädagogischen Einrichtungen auch zu sexualisierten Grenzüberschreitungen zwischen Pädagog_innen kommen, die die Situation der Betroffenen und das Arbeitsklima massiv beeinträchtigen.

Eine gute pädagogische Arbeit mit (potentiell) traumatisierten Kindern und Jugendlichen, erfordert nicht nur eine »Achtsamkeit« für und ein Wissen über sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Sie erfordert zugleich eine »Achtsamkeit« der Professionellen für sich selbst und für die Kolleg_innen.
Gerade in schwierigen Situationen kommt es in Institutionen und im Team darauf an, nicht aus Angst vor Konflikten oder Kritik den ‚Deckel zu‘ zu machen. Daraus ergeben sich folgende Empfehlungen für die pädagogische Praxis:

Achtsamkeit gegenüber sich selbst:
• Pädagog_innen sollten sensibel sein für die eigenen Belastungsgrenzen, wie beispielsweise private Schwierigkeiten und gegebenenfalls eigene Betroffenheit von (sexualisierter) Gewalt.
• Die Thematisierung von persönlicher Überforderung und Belastungsgrenzen ist als Ausdruck von pädagogischer Professionalität anzuerkennen! Sorgfältig reflektierte eigene (sexuelle) Gewalterfahrungen können eine wichtige Ressource für eine einfühlsame pädagogische Praxis in Bezug auf Sexualität und Macht darstellen.

Achtsamkeit gegenüber Kolleg_innen:
• Es sollte eine kollegiale Ansprache gepflegt werden, die eine Sensibilität dafür zum Ausdruck bringt, wie belastet Teamkolleg_innen sind. Diese Belastungen sind produktiv aufzugreifen: »Wie kann ich Sie/dich unterstützen?« statt »Was ist mit Ihnen/dir denn los?«

Achtsamkeit in Organisationen:
• Leitende Pädagog_innen müssen ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen, insbesondere wenn die Betroffenheit von sexualisierter Gewalt im Team ein Thema ist.
• Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es pädagogischen Mitarbeiter_innen ermöglichen, sich mit eigenen Gewalterfahrungen auseinanderzusetzen. Dies ist als ein kontinuierlicher Bestandteil einer reflexiven, lernenden Organisationsentwicklung zu sehen.
• Achtsamkeit gegenüber sich selbst, den Kolleg_innen und den Klient_innen muss von den leitenden Mitarbeiter_innen vorgelebt werden.

Literaturempfehlungen:
Lang, Birgit (2013): Stabilisierung und (Selbst-)Fürsorge für pädagogische Fachkräfte als institutioneller Auftrag. In: Bausum, Jacob; Besser, Lutz-Ulrich; Kühn, Martin; Weiß. Wilma (Hg.): Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis. 3., durchgesehene Auflage. Weinheim: Beltz Juventa, S. 220–228.

1. Standpunktpapier (zum Download)

____________________________________________________________________________________________

Zweites Standpunktpapier des Kasseler Netzwerks
»Professioneller Umgang mit Sexualität und Macht im Sozial- und Bildungssektor«

»Prävention gegen sexualisierte Gewalt ist Basisarbeit!«

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierten Grenzüberschreitungen und Gewalt in pädagogischen Kontexten etablierte sich in den vergangenen Jahren als ein zentrales Thema des pädagogischen Feldes. In vielen pädagogischen Einrichtungen werden Schutzkonzepte und Leitfäden zum Umgang mit sexualisierter Gewalt entwickelt. Dies geschieht häufig erst nachdem Fälle bekannt wurden, in denen Kindern und/oder Jugendlichen Gewalt angetan werden. Ihren präventiven Charakter entfalten Schutzkonzepte jedoch nur, wenn sie rechtzeitig, d.h. bevor es zu sexualisierten Grenzverletzungen in einer Einrichtung kommt, entwickelt und implementiert werden. Es ist daher wichtig, das jede pädagogische Einrichtung sich mit der Frage auseinandersetzt, wie die anbefohlenen Kinder und Jugendlichen vor sexualisierten Grenzverletzungen und vor Gewalt besser geschützt werden können – auch wenn bisher kein Übergriff stattgefunden haben soll. Zentral für die Wirksamkeit von Schutzkonzepten in pädagogischen Einrichtungen ist, dass diese zur »gelebten Praxis«1 einer Einrichtung werden und alle Ebenen einer Organisation miteinbeziehen. Eine präventive Praxis beginnt bei den grundlegenden Fragen, die den Alltag in pädagogischen Einrichtungen prägen: Wird achtsam und transparent miteinander umgegangen? Wird wirklich allen die Möglichkeit gegeben, ihre Bedenken oder Kritik zu äußern? Doch was bedeutet dies konkret für die einzelnen Einrichtungen? Im Folgenden werden einige Punkte skizziert, die wir für besonders wichtig bei der Entwicklung von Schutzkonzepten gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche erachten:

Partizipation von Kindern und Jugendlichen:

  • Kinder und Jugendliche nehmen pädagogische Einrichtungen oft als geschlossene Systeme und die eigenen Einflussmöglichkeiten als gering wahr. Regelmäßige Gespräche und Angebote an die Kinder, sich an der Gestaltung der Organisation zu beteiligen, können dem entgegen wirken.
  • Kinder und Jugendliche sollten in alle Schritte der Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten einbezogen werden. Dabei gilt es, Differenzen zwischen Kindern zu berücksichtigen und in Schutzkonzepten für diese zu sensibilisieren (z.B. im Zusammenhang mit Geschlecht).

Rolle der Leitung: 

  • Die Entwicklung und Implementierung von Schutzkonzepten muss zentral von Leitungspersonen gefördert und unterstützt werden. Dazu gehört die aktive Förderung einer Kommunikationskultur, die ein offenes Ansprechen von Zweifeln oder einem „unguten Gefühl“ am Vorgehen anderer Kolleg_innen, Unsicherheiten bezüglich dem eigenen Vorgehen oder der eigenen Grenzen ermöglicht. Ein achtsamer und offener Umgang mit sich selbst und mit anderen muss neben den Mitarbeitenden auch den Kindern und Jugendlichen ermöglicht werden, damit diese sich mit allen Sorgen oder Nöten an die pädagogischen Mitarbeitenden wenden und bei diesen Gehör finden.
  • Besondere Aufmerksamkeit bedarf auch die Einstellung neuer (pädagogischer) Mitarbeiter_innen. Hier ist auf einen achtsamen und transparenten sowie auf einen am Kindeswohl orientierten Entscheidungsprozess zu achten.

Heterogenität: 

  • Soziale und schulpädagogische Einrichtungen erweisen sich hinsichtlich ihrer organisationalen Gestaltung als sehr heterogen. Schutzkonzepte müssen passend für die einzelne Einrichtung entwickelt werden. Dafür sollten Konzept, Strukturen und Abläufe in pädagogischen Einrichtungen auf Risikofaktoren, die sexuelle Übergriffe begünstigen könnten, geprüft werden. Nur so lässt sich ein methodisch abgesichertes Schutzkonzept erstellen. Der Blick von außen durch externe Experten kann dabei sehr hilfreich sein. Fehlende Passgenauigkeit kann in der Umsetzung des Schutzkonzeptes zur Überforderung und auch bei der Bearbeitung von Kinderschutzfällen zu schwerwiegenden Fehlern führen.

Unerwartbarkeit: 

  • Keine Organisation kann sich perfekt auf den Umgang mit sexualisierten Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche vorbereiten. Es ist jedoch ein Unterschied, ob pädagogische Organisationen und ihre Mitarbeiter_innen sich regelmäßig mit Fragen von Sexualität, Macht und dem Umgang mit sexualisierter Gewalt in der eigenen Einrichtung auseinandersetzen oder nicht. Wissen hilft, um in einem konkreten Fall adäquat reagieren zu können. Daneben braucht es Strukturen, die es Mitarbeitenden ermöglichen, flexibel und angemessen auf jeden einzelnen Fall zu reagieren.

Unabgeschlossenheit: 

  • Die Entwicklung von Schutzkonzepten ist nie abgeschlossen. Organisationen verändern sich laufend, sowie sich ihre Personalstruktur und die Klient_innen verändern. Institutionelle Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt müssen daher kontinuierlich überdacht und überarbeitet werden, um auf Veränderungen eingehen zu können. Ein Schutzkonzept zu entwickeln ist daher immer ein Prozess, die entwickelten Ansätze müssen auf ihre Wirksamkeit in der Praxis überprüft und evaluiert werden.

Zum Weiterlesen:
Böllert, Karin; Wazlawik, Martin (2014) (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt. Institutionelle und professionelle Herausforderungen. Wiesbaden: Springer VS.
Enders, Ursula (2012) (Hrsg.): Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.

2. Standpunktpapier (zum Download)